Robert Walser: Die Einsiedelei
Aus: "Die Rheinlande", Dezember 1912

Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen Felsen eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so schön ist, dass man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt, sondern dass man sie für die zarte und träumerische Phantasie eines Dichters hält. Wie aus einem anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und liegt und steht das kleine, gartenumsäumte, friedliche Häuschen da, mit dem Kreuz Christi davor, und mit all dem holden, lieben Duft der Frömmigkeit umschlungen, der nicht auszusprechen ist in Worten, den man nur empfinden, sinnen, fühlen und singen kann. Hoffentlich steht das liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor ein paar Jahren, und ich müsste weinen bei dem Gedanken, dass es verschwunden sei, was ich nicht für möglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schöner, feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er bewohnt, einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bild ähnlich. Wortlos und einflusslos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht sind in der stillen Einsiedelei wie Bruder und Schwester. Die Woche fliesst dahin, wie ein stiller, kleiner, tiefer Bach, die Monate kennen und grüssen und lieben einander wie alte, gute Freunde, und das Jahr ist ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert, wie schön, wie reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und seine tägliche, gesunde Arbeit gleich schön und ruhig verrichtet. Wenn er am frühen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und fröhliche Konzert, das die Waldvögel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten, süssen Sonnenstrahlen hüpfen in sein Zimmer. Beglückter Mann. Sein bedächtiger Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er mit den Augen schauen mag. Ein Millionär mit all dem Aufwand, den er treibt, erscheint wie ein Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede Bewegung ist hier ein Gedanke, und jede Verrichtung umkleidet die Hoheit; doch der Einsiedler braucht an nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt für ihn. Wie aus weiter Ferne Königssöhne geheimnisvoll und graziös daherkommen, so kommen, um dem lieben Tag einen Kuss zu geben und ihn einzuschläfern, die Abende heran, und ihnen folgen, mit Schleier und Sternen und wundersamer Dunkelheit, die Nächte. Wie gerne möchte ich der Einsiedler sein und in der Einsiedelei leben.